Die Arbeitswelt verändert sich. Durch Digitalisierung entstehen neue Geschäftsfelder, Aufgaben und Produktionsmöglichkeiten. Bestehende Berufe sterben aus, bislang unbekannte Berufe entstehen. Das macht vielen Menschen Angst. Deshalb haben wir als SPD-Landtagsfraktion vor zwei Jahren beantragt, die digitale Transformation der Arbeitswelt genauer zu erforschen. Jetzt liegen die Antworten vor.

Immer dann, wenn’s um große Zukunftsthemen geht, beschäftigen sich sogenannte Enquetekommissionen im Landtag über längere Zeit mit einer Fragestellung. Wie die Digitalisierung vor allem Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer trifft, das wollten wir als SPD wissen. Auf unsere Initiative entstand ein Bericht, der 264 Seiten umfasst und seit dieser Woche online zu finden ist.

Die Fragestellungen, um die wir uns gekümmert haben, stehen im Einsetzungsbeschluss. Auf deren Basis wurden Expertengespräche und Anhörungen geführt, Gutachten beauftragt und eine Liste von 120 Handlungsempfehlungen formuliert.

Stärken und Schwächen in NRW

Die Wirtschaft in NRW ist stark und die Branchen gleichzeitig sehr unterschiedlich: Der Dienstleistungssektor hat viele Beschäftigte und ist extrem produktiv. Während das produzierende Gewerbe in NRW mehrheitlich noch nicht fit für die Zukunft ist. Luft nach oben gibt es auch bei Zukunftsbranchen wie der Fahrzeugindustrie oder Maschinenbau generell.

Größte Überraschung für mich: Die Click- und Cloud-Worker, über die gerne im Zusammenhang mit der Digitalisierung diskutiert wird, spielen im deutschen Arbeitsmarkt kaum eine Rolle. Verschwindend gering ist (noch) die Zahl der Menschen, die ihr Einkommen über Aufträge verdienen, die sie im Internet bekommen und zum Teil auch dort erledigen.

Dagegen lohnt sich der Blick auf die bestehenden Unternehmen in Nordrhein-Westfalen. Denn hier arbeiten Menschen, deren Job womöglich bald schon zur Disposition steht. Vor allem Arbeitsplätze in der Fertigung sind bedroht. Auch wenn es im Saldo – so die Experten – nicht zu einem Minus an Stellen kommt, gucken diese Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer jedoch in die Röhre. Außer sie kümmern sich rechtzeitig um eine Fortbildung oder Umschulung. Die Krux: Gerade in diesen Bereichen ist die Bereitschaft zur Fortbildung am geringsten. Ein Teufelskreis. Für die Arbeitswelt der Zukunft braucht es deshalb ein Recht auf Fortbildung, auf lebensbegleitendes Lernen.

Unsere Empfehlung ist zudem, Fortbildung zusätzlich finanziell zu fördern und zwar vor allem dort, wo absehbar Berufe und Jobs wegfallen. Zur Not muss es – wie während der Corona-Pandemie – ein (Transformations-)kurzarbeitergeld geben, um Branchen im Umbruch die nötige Zeit zu verschaffen, ihre Belegschaften fit für die Zukunft zu machen.

Dafür braucht es eine starke Mitbestimmung. Denn nur gemeinsam mit Betriebs- und Personalrat wird aus Unternehmertum eine erfolgreich agierende Firma. Will sagen: Arbeitgeber und Arbeitnehmer müssen die digitale Transformation der Arbeitswelt begreifen, Veränderungen vorhersehen und dann handeln.

Arbeitswelt wird familienfreundlich

Neben Risiken bietet die Digitalisierung viele Chancen – zum Beispiel im Sinne der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Stichwort Homeoffice: Während der Corona-Pandemie konnte man sehen, welches Potenzial in der Arbeit von zu Hause aus steckt. Unsere Empfehlung ist es deshalb, Homeoffice wo möglich und gewünscht zu ermöglichen. Begründet werden muss die Ablehnung nicht der Antrag aufs Arbeiten von zu Hause.

Damit die Heimarbeiter am Ende nicht mit Rückenschäden und schlechten Augen in Rente gehen, bedarf es einer vernünftigen technischen Ausstattung. Im Sinne des Arbeitsschutzes muss auch dafür gesorgt sein. Das hat aus meiner Sicht nichts damit zu tun, etwas zu überregulieren. Das behaupten FDP und CDU ja gerne. Ebenso, dass es völlig normal ist, rund um die Uhr zu arbeiten. Geht mir zwar auch so, dass ich keinen 8-bis-16-Uhr-Job habe. Im Zweifel genehmige ich mir aber selber eine Smartphone-freie Zeit. Ein Luxus, den sich nicht jeder Arbeitnehmer erlauben kann.

Darum müssen wir über Arbeitszeiten sprechen. Eine wöchentliche statt einer täglichen Höchstarbeitszeit kommt der beruflichen Realität sicherlich näher. Wie man die vielen kleinen Unterbrechungen im Privatleben jedoch messen und bewerten soll, dafür braucht es Experimentierräume.

Fazit: Arbeitswelt muss politisch gestaltet werden

Der Enquete-Bericht bietet eine wertvolle Übersicht darüber, wie der Stand der aktuellen Diskussion ist. Vieles ist schlicht offen und bedarf einer gesetzlichen Regelung: Wie sichert man die Existenz von Soloselbstständigen im Alter? Wie schützt man Cloudworker vor Willkür von Auftraggebern und Plattformen? Wie erleichtert man Start-Ups die Gründung durch eine digitalere Verwaltung?

Wir haben die Grundlage geschaffen, die digitale Transformation der Arbeitswelt zu verstehen. Die Probleme sind benannt. 120 Handlungsempfehlungen geben EU, Bund und Land Anstöße für gesetzliche Initiativen. Wir haben also alles zur Hand, um die Veränderungen zu gestalten, damit es am Ende mehr Sieger als Verlierer gibt.

Als Sprecher der SPD-Fraktion habe ich zum Abschluss der Enquetekommission den fertigen Bericht im Plenum vorgestellt:

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