Die Kleiderfrage kann ich bei diesem Tagespraktikum nicht alleine lösen. Die Empfehlung meines Arbeitgebers: weißes Polo, weiße Hose, weiße Socken und am liebsten auch noch weiße Turnschuhe. Mein Kleiderschrank gibt am Ende jedoch nicht viel mehr her als Tennissocken und ein weißes Hemd. So muss mir Pflegedienstleiter Thomas Jansen vom Krankenhaus St. Josef in Xanten morgens um kurz nach acht aushelfen. Die geliehene Hose hat zwar ein wenig Hochwasser, die schneeweiße Kombination verfehlt dennoch ihre Wirkung nicht.

Ich merke schnell, dass mich Patienten und Besucher des Krankenhauses mit anderen Augen ansehen. Ganz anders als in meinen Zivilklamotten. Ich gehöre zum Team und das Team verspricht Hilfe und Heilung. Deshalb sind sie in die Ambulanz des Krankenhauses gekommen. Weil sie Schmerzen leiden und keinen Rat wissen, warum die plötzlich aufgetretenen Beschwerden nicht mehr von alleine wieder verschwinden.

Mit Schwester Angela in der Ambulanz des St. Josef-Hospitals (Foto mit freundlicher Unterstützung von Olaf Ostermann)

Röntgen, CT, Ultraschall: Alles fließt ein.

Meist sind es ältere Menschen, die an diesem Montagmorgen von ihrem Hausarzt ins Krankenhaus geschickt werden. Zum Beispiel weil der Unterleib wehtut oder der Bauch schmerzt. Zur Vorbereitung auf das Arztgespräch nimmt Krankenschwester Angela vorab die wichtigsten Daten auf. Im Ersteinschätzungsbogen vermerkt sie, wofür sie Blutproben genommen hat und über welche Beschwerden der Patient genau klagt. Ein eigenes Labor wertet die Proben aus. Röntgen, CT, Ultraschall: Alles fließt später in die Diagnose mit ein.

„Wie groß sind die Schmerzen auf einer Skala von eins bis zehn?“, will Schwester Angela wissen. „Och, so mittel“, geben die meisten Männer tapfer zurück. Also eine Fünf von Zehn. Die erfahrene Krankenschwester schätzt danach ab, wie dringend die Symptome behandelt werden müssen. Ein Ampelsystem zwischen grün und rot signalisiert dem Arzt auf einen Blick, wie gravierend die Beschwerden aus objektiver Sicht sind. Denn im Sinne aller Notfallpatienten muss es schon ein Unterschied sein, ob zuerst ein Schnupfen behandelt oder ein Schlaganfall betreut werden muss.

Einige Patienten können später nach Hause gehen. Andere bleiben im Krankenhaus, weil sie weiter beobachtet oder schnellstens operiert werden müssen. So wie der Senior, der mit einem unglaublich geschwollenen Oberschenkel eingeliefert wird. Zehn Zentimeter dicker als das andere Bein. Der Druck droht, die Haut reißen zu lassen. Einschätzungsampel rot! Damit geht es direkt auf Station und weiter in den OP. Durch das langsam aber sicher wirkende Schmerzmittel erfährt der Mann erste Linderung. Sein Wochenende, so sagt er, war die Hölle. Und dennoch zögern die meisten Menschen lange, bevor sie endlich zum Arzt gehen.

Krankenhaus-Team nimmt Sorgen

Nicht immer hat das mit Heldentum zu tun. Manchmal ist es die nackte Angst vor der Kündigung, die berufstätige Patienten erst nach Feierabend in die Ambulanz des Krankenhauses führt. Die sollte eigentlich nur für Notfälle sein. Aber was soll man machen, wenn sich jemand erst nach seiner Schicht mit Grippe ins Krankenhaus quält? Andere wiederum nutzen den leichten Zugang hierher, um nicht auf einen Termin beim Facharzt warten zu müssen. Über keines der Motive urteilt das Team an diesem Morgen. Für Schwester Angela ist klar: „Die Menschen, die zu uns kommen, haben alle ihre Sorgen. Und diese Sorgen nehmen wir ihnen.“

Egal, welche Diagnose am Ende steht, allen Patienten ist die Erleichterung anzusehen, sobald sie zum ersten Mal im Behandlungszimmer vom medizinischen Personal umsorgt werden. „Macht ihr mal, Hauptsache es geht mir besser“, sagt der eine. „Mit mir könnt ihr gerne alles machen“, der andere. Ein Vertrauen, das zur Bürde für Ärzte und Pfleger werden kann, denke ich. Schwer auszuhalten für jemanden, der dann als Einzelkämpfer antritt. Die Ambulanz funktioniert deshalb als Team.

Krankenhaus-Notarzt aus Xanten

Zwischendurch bricht einer der Ärzte mit dem Rettungswagen zu einem Einsatz auf. Denn von Xanten aus werden die Notfalleinsätze in die Umgebung gefahren. Rund um die Uhr halten sich Notärzte vom Xantener Krankenhaus bereit, um auszurücken, wenn außerhalb jemand dringend ärztliche Hilfe braucht. An diesem Vormittag passieren – Gott sei Dank – keine schweren Unfälle. Deshalb werden ausschließlich leichte Verletzungen eingeliefert. Zwei Senioren sind dabei, die unabhängig voneinander in ihrem Altenheim hin- und dabei auf den Kopf gefallen sind.

Die eine, eine ältere Dame, weint während der Einlieferung. „Sie hat Angst, dass sie wie ihre Mutter ins Krankenhaus eingeliefert wird und bis zum Tod nicht mehr herauskommt“, flüstert die Rettungssanitäterin Schwester Gabi zu. Die kennt die Patientin zum Glück persönlich: „Mensch Gisela, brauchst keine Angst zu haben, das kriegen wir schon wieder hin.“

„Und dafür wirst du alt…“

Es menschelt in der Ambulanz und ich frage mich, ob Begegnungen, wie die mit einem 95-jährigen Witwer einige Zeit später nicht in den Klamotten stecken bleiben. Der Mann schildert während seiner Behandlung, dass sein Leben keinen Sinn mehr mache. Seine Frau ist fünf Jahre zuvor verstorben. Er macht einen etwas verwahrlosten Eindruck. „Ich habe immer für meine Frau gelebt. Und jetzt?“ fragt er unter Tränen und knetet dabei seine Finger, die durch die Gicht dick und knorrig geworden sind. Sie müssen höllisch schmerzen. Schwester Gabi verbindet seine offene Wunde am Bein. „Und dafür wirst du alt“, seufzt er beim Abschied.

Später unterhalten wir uns bei einer der kurzen Pausen in der Teeküche über solche und ähnliche Schicksale. „Das darfst du nicht an dich heranlassen“, sagt Schwester Angela. In der Krankenpflege gehe das ganz gut. Als Altenpflegerin sei das schon um einiges schwieriger. Ich pflichte ihr bei und erinnere mich dabei an mein Praktikum im Seniorenheim. Dennoch merke ich später, dass auch die Schwestern hier im Krankenhaus mit Herzblut dabei sind. Die Dankeskarte einer Familie rührt die Frauen. Sie hatten professionell reagiert und damit der Mutter das Leben gerettet. Für die Familie ein riesiges Glück und Anlass unendlicher Dankbarkeit. Ich frage mich in diesem Moment, wie man mit dieser Gefühlswelle umgeht, die über einen hinweg fegt und vollkommen mitzureißen droht. Wo doch von einem erwartet wird, weiter als Fels in der Brandung zu stehen…

Halbgötter in Weiß?

Die Erwartungen und die Dankbarkeit in den Augen der Patienten zu sehen, motivieren selbst mich, obwohl ich an diesem Tag faktisch nicht sehr viel mehr beitrage als die Liegen zu desinfizieren oder neue Betten heranzufahren. Was muss da erst ein Arzt fühlen, der das Leben eines Menschen rettet? Kein Wunder, dass sich weniger starke Charaktere als „Halbgötter in Weiß“ fühlen könnten. Davon spüre ich hier in Xanten nichts. Unglaublich geerdet ist der Umgang zwischen Ärzten, medizinischem Personal und den Patienten. Ein kleines bisschen Schwarzwaldklinik am Rande der Xantener Hees.

Am Ende meines Arbeitstages verwandle ich mich zurück in den Zivilisten René Schneider. In Jeans und Turnschuhen verlasse ich die Ambulanz und das Krankenhaus. Die Menschen, die mich eben noch erwartungsvoll angeschaut haben, blicken nun durch mich hindurch. Ein komisches Gefühl. Mit den weißen Klamotten lege ich auch die bangen Erwartungen der Patienten ab. Ich merke: Auch wenn ich beispielsweise bei der Müllabfuhr tonnenschwere Dinge bewegt habe – die Verantwortung im Krankenhaus wiegt schwerer als bei allen anderen Jobs, die ich bislang ausprobieren durfte. Denn am Ende geht es um Gesundheit und Menschenleben…

Meine bisherigen Praktika:

Dies ist eine Reportage über meinen Einsatz in der Ambulanz des St. Josef-Hospitals Xanten. Der Text ist deshalb subjektiv, beschreibt ausschließlich meine Beobachtungen und verzichtet – getreu den Regeln des Genres– auf Bewertungen und Kommentare. Mindestens zwei Mal im Jahr versuche ich, in meinem Wahlkreis einen Tag lang zu malochen. Das habe ich unter anderem schon bei der Müllabfuhrbeim Deutschen Roten Kreuzauf dem Baubeim Spargelstechen, in der Großbäckerei Büsch, bei Amazon und McDonald’s getan sowie bei der Polizei und in einem Seniorenheim.

2 Kommentare zu „Krankenhaus: Ein kleines bisschen Schwarzwaldklinik“

  1. Ein sehr schöner Artikel.
    Ich arbeite selbst auch in einer Notaufnahme.
    Nicht immer ist es schrecklich, sogar meist eine schöne Aufgabe.
    Eine, wie ich finde , dankbare Arbeit.
    Sehr viele verlassen uns mit einen „DANKE“.
    Ich freue mich über schöne Artikel, wie ihrer.
    Dankeschön !

    1. René Schneider

      Danke für Ihre Arbeit!

      Respekt hatte ich schon immer vor diesem Job, wenn man aber selber mal dabei war, merkt man erst, welch routinierte und tolle Arbeit dort geleistet wird. 🙂

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