Die Zeit scheint still zu stehen im Internet, wo sich die Entwicklungen normalerweise doch überschlagen. Noch dazu bei Google, dem Suchdienst, dessen Name mittlerweile zum Synonym geworden ist für eine Suche im virtuellen Raum. Doch eben dieser virtuelle Raum, das digitale Abbild deutscher Straßen „Street View“, wird von Google seit mittlerweile fast zehn Jahren nicht mehr aktualisiert.

Heftige Diskussionen um „Street View“

Erinnern Sie sich auch noch an die Meldungen, die 2010 überall zu lesen waren und davon berichteten, dass die Autos von Google samt der auf dem Dach befestigten Kameras durch die Straßen fuhren, um die 20 größten Städten Deutschlands digital zu vermessen?
Niemand wusste so richtig, was Google wohl mit den Bildern machen würde. Heftige Diskussionen waren die Folge, dabei war es wenig hilfreich, dass dann Behauptungen, wie „Street View“ helfe womöglich Einbrechern kursierten. Kein Wunder, dass bereits vor dem offiziellen Start des Dienstes rund 250.000 Anträge auf Verpixelung von Teilansichten beim Internetriesen eingingen. Und so veranlasste der Streit um Datenschutz und Persönlichkeitsrechte das Unternehmen im November 2010 – nur kurz nach dem Start des Dienstes – keine neuen Bilder von Hausfassaden und Straßenzügen in Deutschland zu veröffentlichen. Bereits veröffentlichte Ansichten werden seit dem nicht mehr aktualisiert – bleiben jedoch abrufbar.

Die Zeit fliegt, aber nicht bei „Google Streetview“…

Für Nutzer scheint es deshalb so, als stünde bei „Google Street View“ die Zeit still. Mittlerweile darf man sich jedoch die Frage stellen, ob es so weitergehen kann. Denn viele deutsche Städte werden aktuell mit Bildern dargestellt, die fast ein Jahrzehnt alt sind. Trotz erfolgreicher Stadtumbau-Programme und massenhaft abgerufenen Fassadenförderungskrediten: In der Realität bekommen Internetnutzer am Bildschirm ganz andere Bilder gezeigt. Und auch für Privatleute hat dieser Stillstand zum Teil schwere Folgen: So ist es für Immobilienbesitzer nicht leicht, ihre seit den ersten Aufnahmen im Jahr 2008 sanierten und renovierten Häuser zu vermieten, sofern sich mögliche Interessenten vorab über Google informieren und dabei nur den bis zu neun Jahre alten Zustand des entsprechenden Hauses zu sehen bekommen. Dabei ist vielen Nutzerinnen und Nutzern des Dienstes leider unklar, dass es sich bei allen Aufnahmen um veraltete Ansichten handelt.

Flickteppich „Streetview“

Von der Idee der digital abruf- und erkundbaren Stadt ist mittlerweile nur noch ein Flickenteppich übrig.

Google fotografiert zwar noch immer deutsche Straßen, um seinen Kartendienst Maps aktuell zu halten, stellt aber keine neuen Aufnahmen mehr ins Netz. Darum erkennen viele Menschen ihre eigene Stadt nicht mehr wieder, wenn sie nach ihr googeln.

Nun ist es vom Zufall oder der finanziellen Potenz von Städten abhängig, dass mancherorts eine viel modernere Stadtansicht gewährt wird. Denn nur weil Google sich zurückgezogen hat aus der Veröffentlichung von „Streetview“-Ansichten heißt das nicht, dass es nicht auch aktuellere Aufnahmen zum Beispiel aus nordrhein-westfälischen Städten gibt. Beispiel Bielefeld: Klickt man sich hier durch die Stadt, so wird aus einem verregneten und recht unansehnlichen Parkplatz beim Näherkommen plötzlich eine sommerliche Skateranlage, auf der das Leben im Quartier tobt. Beim näheren Hinsehen wird klar: Hier hat ein privater Fotograf mit seiner 360-Grad-Ansicht kräftig nachgeholfen. Ob er für die Veröffentlichung der Aufnahme von interessierter Seite bezahlt wurde, lässt sich so einfach nicht ermitteln. Fest steht aber, dass überall dort die Stadtansichten aus ihrem jahrelangen Dornröschenschlaf erwachen, wo professionelle Fotografen aus eigener Motivation oder von Dritten beauftragt neue Aufnahmen hochladen.

Ausschnitt aus dem Google Dienst „Streetview“: Zu sehen ist der Platz Kesselbrink in der Innenstadt von Bielefeld.

Lösung gesucht – was meinen Sie?

Mir war bis vor kurzem nicht wirklich bewusst, dass „Street View“-Ansichten aus Deutschland mindestens acht Jahre alt sind. Und ich bin mir sicher vielen Leuten geht es ähnlich. Ich finde, das führt zu einer Verzerrung der Wahrnehmung. Nach wie vor ist Deutschland das einzige europäische Land, für das Google keine (aktualisierten) Straßenansichten mehr anbietet. Acht Jahre nach dem offiziellen Start und Stopp des Angebots ist es an der Zeit, diesen unbefriedigenden Zustand aufzulösen und es nicht dem Zufall oder einem Marketingetat zu überlassen, wie eine Stadt auf der weltweit größten Suchmaschine dargestellt ist. Oder?

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.