Die Kulturszene leidet besonders unter den corona-bedingten Einschränkungen. Deshalb habe ich mit Kulturschaffenden aus dem Kreis Wesel darüber diskutiert, wie sie wieder aus der Krise kommen. Der Neustart der Kultur gelingt am besten in fünf Schritten.

1. One size does not fit it all

Die Probleme der Kulturschaffenden sind vielfältig. Es kommt eben darauf an, ob ich male oder musiziere, fotografiere oder schauspielere, Veranstalter bin oder hinter der Bühne arbeite. Manche Künstler:innen konnten sich Rücklagen schaffen und als Unternehmen, das sich selbst vermarktet, Verluste bei den Corona-Hilfen geltend machen. Eine einzige Lösung für alle kann es deshalb nicht geben, auch wenn manche Feststellung für alle gilt. So wie die Folgende:

2. Erst kommt das Essen, dann die Kreativität

Jeder Mensch muss zunächst den eigenen Lebensunterhalt bestreiten können. Frei nach Brecht kommt erst das Essen und dann die Kreativität. Die Corona-Hilfen müssen das ausreichend berücksichtigen. Kulturschaffende werden in den Hilfen pauschal als Unternehmen und nicht als Einzelpersonen betrachtet. Das geht an der Realität vorbei.

Kulturschaffende brauchen wie alle anderen Selbstständigen auch eine unbürokratische Hilfe, die sich nicht im Nachhinein und zu ihrem Nachteil verändert. Vieles davon hat die SPD-Landtagsfraktion bereits Ende April 2020 gefordert. Leider wurde unser Antrag von der schwarz-gelben Landesregierung abgelehnt.

Ich unterstütze die Kulturinitiative 21, die eine monatliche Corona-Pauschale für Solo-Selbstständige, Freiberufler und Künstler:innen fordert. Übrigens nicht nur in der Kultur. Dadurch hätten alle Erwerbstätigen wieder den Kopf frei – zum Beispiel für neue Ideen.

3. Neue Orte und Formate für Kultur

Es ist klar, dass ein Neustart der Kultur nicht von 0 auf 100 gelingt. Niemand wird einfach so den Schalter umlegen können, damit alles wieder so ist wie früher. Künstler:innen und Veranstalter:innen werden sich vielmehr hinein tasten müssen. Und ich wage vorherzusagen, dass hybride Formate dabei den meisten Erfolg versprechen.

Kulturveranstaltungen müssen dafür real und analog stattfinden. Lässt es die Corona-Lage zu, dann mit Live-Publikum. Ob vor vollen Rängen oder mit gehörigen Abständen: Das wird sich immer wieder verändern. Was auf jeden Fall bleibt, ist die gleichzeitige Übertragung ins Netz. Dafür werden professionelle Technik und Mitarbeiter:innen benötigt. Das sichert Jobs und garantiert weitere Einnahmen von Zuschauer:innen zu Hause. Diese sind im schlechtesten Fall die einzigen zahlenden Gäste. Im günstigsten Fall eine Zusatzeinnahme, die man auch nach der Pandemie generieren kann.

So oder so sollten die Veranstalter allen Beteiligten garantieren, dass der Auftritt oder die Veranstaltung tatsächlich stattfindet und nicht kurz vorher aufgrund der Pandemie-Lage abgesagt wird. Das gibt neue Sicherheit und es ist möglich, den Schwerpunkt zwischen Präsenz- und Onlinepublikum im Laufe der Zeit zu verschieben. Bundesfinanzminister Olaf Scholz hat zuletzt einen Fonds angekündigt, um Kulturveranstaltungen finanziell zu unterstützen, die wegen Corona kleiner ausfallen oder spontan abgesagt werden müssen. Das soll Kulturschaffenden ermutigen, jetzt schon Veranstaltungen zu planen.

Für solche hybriden oder rein digitalen Veranstaltungen braucht es eine übergreifende Streaming-Plattform für Künstler:innen. Je größer eine solche Plattform ist, desto besser. Denn der Erfolg jeder Plattform entscheidet sich dadurch, wie viele Menschen dort unterwegs sind und wie vielfältig und abwechslungsreich die Inhalte sind. Wie das aussehen könnte, zeigt beispielsweise Klanghelden-TV.

4. Rückkehr der Mäzene

Mäzene sind Personen, die künstlerische, kulturelle oder sportliche Tätigkeiten finanziell fördern. Dieses Sponsoring stellt in der aktuellen Zeit eine wichtige Ergänzung zu staatlicher Hilfe dar.

Es gibt immer noch genügend Menschen in Deutschland, denen die Pandemie finanziell nicht geschadet hat. Deshalb bitte ich Sie alle: Zeigen Sie sich solidarisch und unterstützen Sie die Kultur, wo es Ihnen möglich ist. Ich denke, wir sind uns einig, dass wir alle auch in Zukunft eine vielfältige Auswahl an kulturellen Angeboten genießen möchten.

Es ist sicherlich nicht die Aufgabe der Mäzene, die Kultur im Alleingang zu retten. Doch jedes Engagement hilft beim Erhalt einer vielfältigen Kulturwelt. Und den Kulturschaffenden stärkt es den Rücken, wenn sie wissen, dass Auftritt und Gage sicher sind.

5. Städte und Gemeinden finanzieren Kultur

Einer der größten Mäzene der Kultur in Nordrhein-Westfalen sind die Städte und Gemeinden. Sie geben – viel mehr noch als das Land NRW – Geld für Tourneetheater und Konzertreihen, Ateliers und Ausstellungen. Kultur ist ein attraktiver Standortfaktor, weil sie eine Kommune erst richtig lebenswert macht. Die Region Niederrhein ist auch wegen ihres breiten Kulturangebotes so beliebt bei Touristen.

Kulturangebote gehören jedoch zu den freiwilligen Leistungen einer Kommune und werden deshalb in finanziell schwachen Zeiten gerne als Erstes gekürzt. Ich kann trotz der Mehrbelastungen durch die Pandemie nur an die Stadträte appellieren, sich im Zweifelsfall für die Kultur auszusprechen. Denn ist ein Kulturangebot erst einmal weg, fällt es sehr schwer, es wieder neu aufzubauen.

Die Kommunen sollten ihre Veranstaltungen ab Sommer 2021 jetzt schon vorbereiten bzw. Planungen der Kulturschaffenden erlauben und unterstützen, um für die Eventbranche Perspektiven nach der Krise aufzuzeigen. Diese Veranstaltungen müssen in jedem Fall stattfinden, damit die Künstlerinnen und Künstler Planungssicherheit haben. Das hybride Wechselspiel von digitalen und analogen Anteilen hilft dabei.

Egal wie: Um der Kultur in diesem Jahr aus der Krise zu helfen, müssen jetzt die richtigen Schritte eingeleitet werden. Den Städten und Gemeinden kommt dabei, aus meiner Sicht, eine Schlüsselrolle zu. Sie sind bereit dazu – allein das Land muss ihnen dazu die finanziellen Möglichkeiten geben.

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.