Um Familien kümmert sich der Caritasverband Moers-Xanten seit vielen Jahren. Corona macht die Aufgabe schwieriger denn je. Wie das Team um Klaus Roosen, Fachbereichsleiter für Kinder, Jugend und Familie beim Caritasverband Moers-Xanten durch die Krise kommt – darüber spreche ich mit ihm in meinem aktuellen Podcast.

Die gesamte Folge können Sie sich hier anhören:

Kinder, Jugend und Familien im Blick

Bei der Caritas ist der gelernte Heilerziehungspfleger und studierte Sozialpädagoge Roosen eher zufällig gelandet. Der Caritasverband Moers-Xanten hat insgesamt um die 1000 Mitarbeiter:innen, die meisten davon in der Altenhilfe. Neben dem Fachbereich Altenhilfe gibt es noch die Bereiche Gesundheit und Soziales sowie Kinder, Jugend und Familie. Der letztgenannte Fachbereich wird von Klaus Roosen geleitet und beschäftigt aktuell 270 Mitarbeiter:innen.

Die Aufgaben umfassen alle Lebensbereiche, in denen Kinder, Jugendliche oder Familien Unterstützung benötigen. Das sind unter anderem individuelle Familienhilfe, Erziehungsberatungsstelle, Aufsuchende Hilfe für Kinder, Offene Ganztagsschule oder Schulsozialarbeit.

Nächstenliebe in Pandemiezeiten?

Caritas heißt übersetzt Nächstenliebe. Doch wie funktioniert Nächstenliebe in Zeiten einer Pandemie, in der Körperkontakt faktisch nicht stattfinden darf? Faktisch bedeutet es einfach weiterzuarbeiten, nur eben mit Abstand, Maske und Schnelltestung, erklärt Klaus Roosen.

Die Bedingungen stellen die Mitarbeiter:innen jedoch vor große Herausforderungen. Man begegnet nicht mehr allen Klient:innen, teilweise wird mit Jugendlichen über Video-Konferenzen gearbeitet. Das verändert die Arbeit schon sehr, findet Klaus Roosen. Viele der Erzieher:innen und Sozalpädagog:innen hätten ja bewusst den Job ergriffen, weil sie gerne etwas mit Menschen machen möchten. Dass das fehlt, merke man zur Zeit bei vielen.

Die Mitarbeiter:innen hielten sich dennoch tapfer, erzählt Roosen. Das mache ihn auch etwas stolz. Dennoch kriege er immer mehr mit, dass alle angestrengt seien, weil ihnen die Hoffnung fehlt, dass es bald ein Licht am Ende des Tunnels gibt.

Homeoffice ist keine Option

Für viele der Mitarbeiter:innen in der Kinder-, Jugend- und Familienhilfe ist Homeoffice keine Option. Die ambulante Hilfe muss auch in der Pandemie vor Ort bei den Menschen sein. Bedauerlicherweise sei dieser Berufszweig in der Pandemie politisch komplett vergessen worden. Es hätte weder Masken noch Schnelltests für seine Mitarbeiter:innen gegeben. Die Ausrüstung musste komplett in Eigenregie besorgt werden, erzählt der Fachbereichsleiter. Erst heute hätte er eine Mail vom Land bekommen, in der abgefragt wurde, wer alles in der ambulanten Hilfe arbeite, um Schnelltests bereitzustellen. An den Abläufen gäbe es also noch einiges zu verbessern.

Schule zwischen Gesundheit und Bildung

Beim Thema Schulöffnungen verlaufen zwei große Konfliktlinien gegeneinander: Auf der einen Seite der Gesundheitsschutz für Kinder, auf der anderen die Bildung oder auch das Kindeswohl. Klaus Roosen ist froh, dass er die Entscheidung nicht selber treffen muss. Er mäße sich auch nicht an, zu sagen, was richtig oder falsch ist. Schwierig ist aus seiner Sicht der permanente Wechsel zwischen den Beschulungsformen und die kurzfristige Kommunikation der Entscheidungen. Das alles verunsichere Eltern, Kinder und Mitarbeiter:innen. Auch das Ankündigungen von Tests, die dann aber nicht da sind, dürfe so nicht sein.

Kindeswohl sieht der Fachbereichsleiter aber nicht unbedingt als Argument für Schulöffnungen. Natürlich bräuchten Kinder Sozialkontakte, aber wenn es um die konkrete Gefährdung von Kindern gehe, kennen die Mitarbeiter:innen im Regelfall die Fälle, wo sie ein Auge drauf haben müssen. Bei den Kindern würde dann öfter nachgefragt oder Besuche gemacht.

Nach einem Jahr Pandemie hat sich eine gewisse Routine eingestellt. Es gebe keine große Aufregung mehr, wenn Freitags-Abends Entscheidungen kommuniziert werden. Man macht dann entweder Schublade A oder B auf, Schule zu oder Wechselunterricht. Darüber, ob diese Routine positiv oder negativ zu bewerten ist, ist sich Klaus Roosen noch nicht sicher.

Familien am Limit

Die Familien leiden zunehmend an der Belastung zwischen Beruf und privatem Umfeld. Das kriegt auch Klaus Roosen verstärkt mit. Natürlich sei es anstrengend, wenn die Kinder immer zuhause sind und keinen Ausgleich haben. Der Familienvater ist zweimal die Woche im Homeoffice und beschult dann gleichzeitig drei Kinder. Das sei eine echte Herausforderung. Es sei einfacher, 80 Stunden die Woche zu arbeiten als im Homeoffice gleichzeitig drei Kinder aus drei verschiedenen Jahrgängen zu beschulen. Wenn dann noch Entscheidungen vom Land dazukommen, dass Eltern weiter für den offenen Ganztag oder die Kitas bezahlen müssen, obwohl ihre Kinder nicht vor Ort sind, hört das Verständnis schnell auf.

Nicht alle Familien kommen gleich gut oder gleich schlecht durch die Pandemie, meint Roosen. Die (digitale) Infrastruktur spiele immer noch eine wichtige Rolle. Man rede immer über Bildungsarmut und Gleichberechtigung. Das Problem wird aktuell noch verstärkt. „Ganz ehrlich, wir verlieren in der Pandemie manche Kinder, sie sind für uns faktisch aktuell nicht erreichbar“, so Roosen. Die richtige Arbeit beginne nach der Pandemie. Erst dann würde deutlich, welchen Aufholbedarf es bei vielen Kindern gebe.

Was sich nach der Pandemie verändert

Nach der Pandemie steht die eigentliche Aufräumarbeit an. Viele Kinder und Jugendliche, die abgehangen wurden, werden es schwer haben, wieder in den Alltag zu finden. Vor allem das soziale Lernen im Umgang mit anderen Menschen werde eine große Aufgabe für sie, erklärt Klaus Roosen.

Von einer verlorenen Generation möchte der Caritas-Fachbereichsleiter jedoch nicht sprechen. Es gebe aber Aspekte bei Kindern und Familien, die es nach der Pandemie aufzuarbeiten gilt.

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