Was macht eigentlich die Politik für die Infrastruktur vor Ort? Also für gute Schulen, ausreichend Ärzte oder attraktive Einkaufsmöglichkeiten? „Hier möchte ich nicht tot über dem Zaun hängen“: Eine Bemerkung, die ich immer öfter fallen lasse, wenn ich mit der Familie unterwegs bin. So passiert nicht nur in Mecklenburg-Vorpommern, sondern kürzlich erst in Rheinland-Pfalz. Eine steile These, gebe ich zu. Aber mal ehrlich: Kilometerweit kein Supermarkt zu sehen, kein Imbiss, kein Bahnhof, Schulen geschlossen, von Ärzten ganz zu schweigen. Gott sei Dank ist das in NRW kein Problem?! Falsch gedacht!

Schulen auf dem Land schließen

Ein Beispiel für eine immer schmaler werdende Infrastruktur ist der Bereich Bildung. Sonsbeck hatte immer eine weiterführende Schule. In Kooperation mit Xanten wurde dort bis vor Kurzem unterrichtet. Jetzt ist die Zweigstelle Sonsbeck weg. Der Grund: zu wenige Schülerinnen und Schüler in der Gemeinde, aber auch die bewusste Entscheidung der Eltern für eine andere Schule, die ein breiteres Angebot hat. Das ist nicht nur bei weiterführenden Schulen der Fall. Auch Grundschulen knapsen, zum Beispiel in Xanten-Birten. Zu wenige Anmeldungen führten zu der Diskussion, die Schule zu schließen. Wie soll man Eltern erklären, dass auf dem Land teilweise Klassen mit 10 Schülern existieren, während sich in der Stadt 30 und mehr Schüler einen Lehrer teilen müssen? Zumal das Angebot vor Ort häufig nicht mehr in Anspruch genommen wird. Stattdessen wird viel gefahren. Womit wir auch schon bei einem weiteren Punkt rund um „Hier will ich nicht mal tot über dem Zaun hängen“ wären.

Nicht mal tot über dem Zaun: Schule, Bus und Apotheke – ohne sie fehlt was!

Endstation öffentlicher Nahverkehr

Wenn ich aus meinem Dorf nur morgens um 7 Uhr und abends um 19 Uhr zum letzten Mal raus- oder reinkomme, dann ist auch das ein großes Problem. Selbst wenn es Strecken gibt, merken wir im Moment, dass derzeit viele Verbindungen ausfallen – Stichwort Niederrheinbahn. Das liegt vor allem daran, dass Lokführerinnen und Lokführer fehlen, die diese Bahnen bedienen und pünktlich zum Ziel steuern könnten.

Wie ist es um Ärzte in NRW bestellt?

Eine Studie zum Thema Kinderärzte zeigt aktuell, dass die Ärzte dahin gehen, wo es Ihnen am besten gefällt. Macht Sinn. Ist für die Städte und Gemeinden, vor allem auf dem Land, aber ein Problem. Dasselbe gilt übrigens auch für Tierärzte – ein nicht zu unterschätzendes Problem auf dem Land. Die neuen Kolleginnen und Kollegen gehen nämlich vermehrt in die Städte, sodass es an Nachwuchs auf dem Land, zum Beispiel im Kreis Wesel, mangelt. Das heißt, es gibt nicht nur zu wenig Nachwuchs, dieser ist vielmehr auch noch ungleich verteilt, denn selbst im Kreis Wesel gibt es große Unterschiede zum Beispiel zwischen dem städtischeren und damit beliebteren Moers und dem ländlicher gelegenen Sonsbeck.

Das Gefühl abgehängt zu sein…

Das führt unweigerlich zu einem Gefühl des Abgehängtseins. Vor kurzem kam beispielsweise eine ältere Dame in mein Wahlkreisbüro und schilderte mir von ihrem Problem, über einen Apothekennotdienst an ihre dringend benötigten Medikamente zu kommen. Damals habe ich noch gesagt: „Problem? Das kann doch gar nicht sein. Wir haben so viele Apotheken in Kamp-Lintfort…“. Falsch gedacht! Die Frau hätte, um nach dem üblichen Ladenschluss an die Medikamente zu kommen, bis nach Duisburg fahren müssen. In diesem Fall für die ältere Frau, die kein Auto hat und auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen ist, nicht nur ärgerlich, weil ziemlich weit weg, sondern vielmehr unmöglich.

Das Versogungsnetz ist zum Zerreißen gespannt

Daraufhin habe ich mich bei der zuständigen Apothekenkammer erkundigt: In Großstädten über 80.000 Einwohner liegt der maximale Umkreis bei 10 Kilometer. Doch je weniger besiedelt das Gebiet ist, desto größer werden die Umkreise. So sind es in einer mittelgroßen Stadt noch 15 Kilometer, in dünn besiedelten Gebieten schon 25 Kilometer und in ländlichen Gemeinden bis zu 30 Kilometer. Der Durchschnitt auf dem Land liegt dabei, so die Auskunft, bei 14 Kilometern, die kann nicht jeder zurücklegen – erst recht nicht nachts.

Hey Politik, was ist die Lösung?

Tja, was macht die Politik denn jetzt? In dieser Ratlosigkeit, die sich breitmacht, wie man all diese Probleme löst, hat sich ein Standardsatz etabliert: „Da muss sich Politik drum kümmern!“ Aber, liebe Leute, die Politik gibt es nicht. Genauso wenig wie „die Ärzte“, „die Lehrer“, „die Journalisten“. Das sind alles Individuen, die mindestens genauso vielfältig sind, wie die Probleme, die ich gerade beschrieben habe. Ich möchte dafür werben, genau hinzugucken und sich zu fragen, woran es denn noch liegen kann, bevor man sagt, „die Politik soll sich mal eben darum kümmern“. Nehmen wir den Ärztemangel – vom Hausarztmangel, über den Landarztmangel, zum Kinderarztmangel und, erste letzte Woche im Umweltausschuss in Düsseldorf thematisiert, den Tierarztmangel. Ein entscheidender Grund für diesen Mangel: Die Ärzte suchen sich aus, wohin sie nach ihrer Ausbildung gehen. Würde sich doch auch sonst keiner von Euch da draußen vorschreiben lassen, wo er später mal arbeiten soll. Ganz ehrlich: Soll man da Zwang ausüben? Ich glaube das geht gar nicht und darf auch nicht gehen in einer Demokratie. Maximal Anreize können in diesem Fall helfen.

Verständnis statt Parolen!

Ohne Lösungen im einzelnen zu kennen und ohne Verantwortung abschieben zu wollen: Jedes Problem hat seine Gründe, seine Geschichte und vieles hängt zusammen. Beispiel Apotheken: Durch den Internetversand nehmen die Apotheken vor Ort weniger ein. Die Konsequenz ist, dass Apotheken dichtmachen. Das konnte man sich noch vor Jahren gar nicht vorstellen. Letztlich wird das Versorgungsnetz dünner und die Wege länger, denn weniger Apotheken müssen mehr Notdienste erbringen. Boni für Notdienste oder Antrittsprämien für Landärzte können eine Lösung sein, langfristig ist das allerdings nicht der Weisheit letzter Schluss. Im Grunde brauchen wir eine gesellschaftliche Diskussion und Verständnis statt Parolen. Das kann dazu führen, dass sich das Verbraucherverhalten ändert, Eltern ihre Kinder in den Schulen vor Ort anmelden und sich jeder Einzelne fragt: Was kann ich für diese Gesellschaft tun – auch wenn ich mal zurückstecken muss?! Denn was bringt mir am Ende mein Egoismus, wenn ich in einer Gesellschaft lebe, die an allen Ecken und Enden brennt?

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