Wir alle wollen die Energiewende. Dafür braucht es unter anderem neue Stromleitungen, die saubere Wind- und Sonnenenergie quer durchs Land transportieren. Ein solches Projekt ist auch die Stromtrasse A-Nord, die den Kreis Wesel kreuzen wird. Die Trassenführung wird aktuell hitzig diskutiert, denn keiner möchte die Stromtrasse in seiner Nähe haben. Ich frage mich: Ist es okay, angesichts der notwendigen Energiewende gegen das Strom-Projekt zu sein?

Energiewende ja, aber nicht vor der eigenen Haustür

Energiewende finden die meisten von uns gut. Wir wollen den Ausstieg aus der Atom- und Kohleenergie, um langfristig die Umwelt zu schützen. Doch wenn es darum geht, dass eine Stromtrasse für die Versorgung durch erneuerbare Energien bei uns in der Nachbarschaft gebaut wird, dann sind wir plötzlich doch irgendwie dagegen. Ganz nach dem Motto: Not in my backyard.

Anlass der Diskussion: Stromtrasse A-Nord

Der beschleunigte Ausstieg aus der Kernenergie und der zügige Ausbau erneuerbarer Energien stellt die Netzbetreiber vor Herausforderungen. Saubere Energie muss gespeichert und im ganzen Land verteilt werden. Dafür baut beispielsweise die Amprion GmbH das Netz umfassend aus. Ein Teil des Netzausbaus bildet die Windstromverbindung Niedersachen-Rheinland, auch A-Nord genannt.

Die geplante Strom-Trasse soll Windenergie von der Nordsee in den Süden transportieren. Sie führt von Emden im Norden Deutschlands über den Kreis Wesel oder Kleve bis nach Osterath im Rhein-Kreis Neuss. Die 300 Kilometer lange Gleichstromverbindung soll ab 2025 rund zwei Gigawatt elektrische Leistung übertragen.

Quelle: Amprion

Mögliche Trassenführungen

Für mich besonders interessant ist der Bauabschnitt D der geplanten Verbindung, der auch den Kreis Wesel durchqueren soll. Aktuell gibt es drei in Frage kommende Varianten für die Trassenführung, wie man im folgenden Bild sehen kann.

Im Januar 2018 hat Amprion veröffentlicht, entlang welcher Strecke sie die A-Nord-Trasse bauen wollen. Das Unternehmen hat diese bei der Bundesnetzagentur beantragt. Dabei favorisiert Amprion die Streckenführung via Rees über den Rhein als störungsfreiste Variante.

Quelle: Amprion

Für Verwunderung bei vielen Menschen sorgte eine Meldung in der vergangenen Woche, die besagt, dass die Bundesnetzagentur auch die beiden Varianten über Voerde weiterhin gleichwertig prüfe. Die Varianten schienen in der vergangenen Debatte mehr oder weniger vom Tisch zu sein. Die Bürger:innen aus Voerde, Rheinberg und auch Alpen sind dementsprechend überrascht.

Gründe gegen Trassenführung bei Voerde

In Voerde hat sich bereits Widerstand formiert gegen die geplante Stromtrasse. Die Gründe dafür sind trotz aller Notwendigkeit des Projektes nachvollziehbar. Die Stadt Voerde wurde in der Vergangenheit bereits mehrfach stark belastet, beispielsweise durch das Kraftwerk der STEAG oder durch die noch immer nicht vollendete Zeelink-Leitung. Dazu kommt der Neubau einer 380-Kilovolt-Verbindung von Wesel nach Osterath und die damit verbundene Rheinquerung bei Voerde.

Die Trassenführung über Voerde ist zudem mit einigen nicht zu unterschätzenden Hindernissen versehen. Voerde und auch Rheinberg auf der anderen Rheinseite sind stark besiedelt im Gegensatz zu der Streckenführung via Rees. Die bereits erwähnte Zeelink-Leitung erschwert den damit sowieso schon komplizierteren Ausbau zusätzlich.

Außerdem würde die Trasse durch Voerde eines der wenigen Waldgebiete der Stadt schneiden. Die Schneise kann nach der Bautätigkeit aufgrund der gesetzlichen Regelungen nicht wieder aufgeforstet werden. Dies hätte einen großen Verlust an Natur und Naherholung zur Folge.

Aus diesen Gründen habe ich die Bundesnetzagentur aufgefordert die Varianten über Voerde nicht weiter zu verfolgen und sich für die Trassenführung über Rees zu entscheiden. Also wieder ein Fall von NIMBY? Energiewende ja, aber bitte nicht vor meiner Haustüre? Darf man für erneuerbaren Strom und trotzdem gegen eine Stromtrasse sein?

Diskussion ja, aber mit Abwägung

Ich glaube, es ist okay gegen die Linienführung einer Strom-Trasse zu sein. Mit guten Argumenten und in einer Abwägung der Argumente. Wie stark sind die Menschen durch eine solche Trasse belastet und tragen möglichst alle gleichmäßig diese Belastungen mit?

Klar ist, für die Energiewende und eine stabile Stromversorgung mit erneuerbaren Energien ist dieses und auch kommende Infrastrukturprojekte wichtig und notwendig. Irgendwo müssen diese Projekte umgesetzt werden, auch in unserer Heimat.

Daher reicht meines Erachtens nach eine „nicht vor meiner Haustür“-Argumentation nicht als Begründung aus. Vielmehr müssen die einzelnen Optionen objektiv abgewogen werden. Wo kann das Projekt mit möglichst wenig Aufwand realisiert werden? Bei welcher Variante sind besonders wenige Menschen betroffen? Kann die Natur bei der geplanten Streckenführung wieder in ihren ursprünglichen Zustand gesetzt werden? Und: Welche Städte und Gemeinden hatten in der Vergangenheit bereits mehr Lasten zu schultern als andere?

Ein objektives Abwägen der Pro- und Kontra-Argumente für die Varianten der Trassenführung halte ich für den besten Weg. Deshalb ist es sicherlich auch ganz gut, dass am Ende die Bundesnetzagentur diese Entscheidung trifft. Solange sie dabei nicht nur den Weg des geringsten Widerstands geht, sondern die Belastungen fair auf alle verteilt!

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