Die Ernährungspolitik und nicht die Agrarpolitik macht unsere Landwirtschaft langfristig nachhaltiger. Damit Naturschutz in der Landwirtschaft funktioniert, müssen wir bei unserem eigenen Essen anfangen. Ein Plädoyer für eine neue Ernährungspolitik.

Agrarpolitik Ernährungspolitik

In den vergangenen Jahren wurde immer wieder gefordert, dass die Landwirtschaft ökologischer und nachhaltiger werden müsse. Aktuell ist das Thema wieder sehr präsent. Das liegt unter Anderem an einer neuen Agrarreform, die auf EU-Ebene verhandelt wird. Dabei geht es beispielweise um die Einführung sogenannter Eco-Shemes. Das sind Maßnahmen zum Umweltschutz, die die Landwirte gegen Prämien umsetzen sollen.

Sprechen wir von Landwirtschaft und Agrarpolitik kommt man irgendwann auch zum Thema Ernährung. Jedoch wird das Thema oft nur als Nebenaspekt behandelt. Ein Aspekt, der sich aus nachhaltiger Landwirtschaft automatisch ergebe. Das ist meiner Meinung nach falsch. Eine echte Agrarwende kann nur gelingen, wenn man mit einer Ernährungswende startet!

Deshalb muss es eine umfassende Ernährungspolitik geben, die sowohl gesundheitliche Aspekte, als auch Landwirtschafts-, Umwelt- und soziale Fragen berücksichtigt. Einen Ansatz bietet der aktuelle Bericht der Bundesregierung zur Ernährungssituation in Deutschland sowie der 9-Punkte-Plan der SPD-Bundestagsfraktion.

Ernährung betrifft jeden von uns

Ernährung ist ein sehr breites Themenfeld, welches auch in den Nachhaltigkeitszielen der UN festgehalten wurde. Darin wird als Ziel formuliert: „den Hunger zu beenden, Ernährungssicherheit und eine bessere Ernährung erreichen und eine nachhaltige Landwirtschaft fördern.“ Ernährung und Landwirtschaft werden also auch hier immer zusammengedacht.

Ernährung ist aber vor allem ein Thema, das uns alle tagtäglich betrifft. Jeder von uns muss essen und Lebensmittel kaufen. Logisch. In Zeiten der Corona-Pandemie wird aufgrund geschlossener Kitas, Schulen und Restaurant viel mehr als üblich zuhause gekocht. Das bedeutet, viele Menschen müssen sich seit dem vergangenen Jahr verstärkt Gedanken zu ihrer Ernährung und der Ernährung ihrer Kinder machen.

Gute Ernährung ist wichtig für die Gesundheit. Eigentlich wissen wir das auch alle, dennoch essen viele von uns immer noch zu süß, zu salzig oder zu fettig. Das spiegelt sich in vielen Beschwerden wie Übergewicht oder im Schlimmsten Fall Diabetes wieder. Die meisten Beschwerden wären durch eine gesunde Ernährung vermeidbar.

Bezug zu Lebensmitteln verloren

Das größte Problem im Bereich Ernährung ist meiner Meinung nach, dass viele Menschen den Bezug zur Herstellung und Herkunft ihrer Lebensmittel verloren haben. Viele können mit unzubereiteten Nahrungsmitteln wie Gemüse oder Obst nur noch wenig anfangen.

Das liegt sicherlich auch daran, dass man in den Supermarkt gehen kann und dort dann eine schier unendliche Auswahl an Lebensmitteln hat. Dieses Überangebot lässt einen oft vergessen, wieviel Zeit und Arbeit in jedem dieser Produkte steckt.

Eine neue Verbindung schaffen

Es gibt schon einige gute Ansätze, um diese Verbindung zwischen Landwirtschaft und Endverbraucher wieder zu kitten. Viele Landwirtinnen und Landwirte versuchen durch offene (Hof-)Türen das Vertrauen und Verständnis für ihre Arbeit zu erhöhen. So auch der Gamerschlagshof wie ich in meinem Podcast erfahren habe.

Die Politik besitzt ebenfalls Möglichkeiten, damit Verbraucher wieder einen besseren Bezug zu den Lebensmitteln bekommen. Sie kann den Menschen Hilfestellungen bei der Ernährung und dem Einkauf geben. Dabei sind meiner Meinung nach zwei Punkte besonders wichtig:

Ernährungsbildung

Politik hat die Aufgabe, Menschen das Wissen zu vermitteln, damit diese bewusster einkaufen können. Diese Ernährungsbildung kann in vielfältiger Form angeboten werden. Das BMEL hat in seinem Ernährungsbericht einige Vorschläge gemacht. Es gibt unter anderem Schulungen für werdende Eltern oder eine Ernährungsinitiative für Senioren.

Viele Kinder essen mehrmals die Woche in der KiTa oder der Schule zu Mittag. Dort besteht also eine große Chance, die Ernährungskompetenz der Kinder zu stärken. Aus diesem Grund fordert die SPD schon lange ein vollwertiges und kostenfreies Kita-Essen für alle Kinder. Durch Ausflüge zu umliegenden Bauernhöfen kann den Kindern von klein an die Bedeutung (und auch der Genuss!) regionaler und saisonaler Lebensmittel näher gebracht werden. Das Thema Ernährung sollte jedes Jahr auf dem Lehrplan stehen, beispielsweise in Form einer Projektwoche oder dem Ernährungsführerschein. In vielen Schulen gibt es das sicherlich schon.

Ernährungsbildung ist auch bei Erwachsenen immer noch enorm wichtig. Es kann beispielsweise durch Projekte wie Urban Gardening in Städten oder auch Solidarische Landwirtschaften zum bewussten Umgang mit Lebensmittel angeregt werden.

Zugang ermöglichen

Die Ernährungskompetenz der Menschen zu stärken reicht aber nicht aus für eine Ernährungswende. Wenn sich die Menschen zum bewussteren Einkauf entscheiden, muss es Ihnen auch möglich sein, gesunde, bezahlbare und hochwertige Lebensmittel zu kaufen. Der Gesetzgeber muss deshalb dafür sorgen, dass die Menschen durch eine klare Kennzeichnung diese Lebensmittel von anderen unterscheiden können.

Gute Lebensmittel sollen einerseits bezahlbar sein, dürfen aber auch nicht billig verschleudert werden. Klar ist: jeder Einzelne von uns muss sich fragen, was uns unsere Lebensmittel wert sind und ob wir nicht an der ein oder anderen Stelle mehr für unsere Ernährung ausgeben sollten. Die Erzeuger sollen für ihre nachhaltigen Produkte gerecht entlohnt werden. Dabei spielen auch die Produzenten und Handelskonzerne eine entscheidende Rolle. Die „Preisdrückerei“ der vergangenen Jahre muss ein Ende haben!

Wer sicher sein will, dass sein Geld direkt beim Erzeuger landet, kann auch einen der vielen regionalen Anbieter besuchen.

Neue Ernährungspolitik ist der Schlüssel

Wenn wir bei unserer Ernährung all das berücksichtigen, wächst von selber ein Verständnis für den Wert und die Bedeutung von Lebensmitteln. Der Job der Landwirte wird uns wieder vertrauter und als Gesellschaft verstehen wir, dass Geiz nicht geil ist. Über diese neue Ernährungspolitik bekommen wir alle zusammen – Verbraucher wie Produzenten und die Politik – eine Vorstellung davon, wo wir mit der Landwirtschaft hin wollen. Und das ist sehr viel mehr, als die heutige Agrarpolitik in Bund und der EU von sich behaupten kann.

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