Gülle ist ein natürliches Düngemittel, das Bauern seit Jahrhunderten auf ihren Feldern ausbringen. Früher störte das niemanden. Doch je näher Wohnsiedlungen an die Landwirtschaft heranrücken, umso mehr stinkt es den Menschen. Hinzu kommt, dass viele Niederrheiner das Gefühl haben, die meiste Gülle komme gar nicht von hier. Ein echtes Aufregerthema also. Mich hat interessiert: Was sind die Fakten und wie geht es vor allem weiter?

Gülle und Trinkwasser

In vielen Regionen am Niederrhein sind die Nitratwerte im Grundwasser zu hoch. Ein Folge von zu viel Gülle auf den Feldern, so die Vermutung. Der Europäische Gerichtshof hat Deutschland deshalb 2018 verklagt. Auf Druck der EU soll die Düngeverordnung verändert werden. Die Verordnung regelt, wann und wie viel Gülle von den Landwirten auf ihrem Ackerland ausgebracht werden darf. Nun soll weniger Gülle auf die Felder kommen. Der Europäische Gerichtshof ist der Auffassung, dass Deutschland die Umsetzung der Nitratrichtlinie verpennt hat. Bauernvertreter meinen dagegen, dass die neuen Regeln schon Wirkung zeigen – weil der Boden aber ein „langes Gedächtnis“ hat, lassen sich die Verbesserungen im Grundwasser erst mit reichlich Verzögerung messen.

Wann darf Gülle ausgefahren werden?

Gülle darf immer dann verstreut werden, wenn die Pflanzen einen Nährstoffbedarf haben. Ob das so ist, muss der Landwirt prüfen. Dazu nimmt er am Jahresanfang Bodenproben und untersucht sie. Laut Landwirtschaftskammer wird nur so viel gedüngt, wie eine Düngebedarfsermittlung für die jeweilige Kultur auf der entsprechenden Fläche ergibt. So will man erreichen, dass nur noch so viel gedüngt wird, wie die Pflanzen brauchen. Außerdem gibt es Fristen. Diese Sperrfristen regeln, wann Gülle nicht ausgebracht werden darf. Zum Beispiel weil die Vegetation ruht und die Pflanzen in dieser Zeit keinen Nährstoffbedarf haben. Darüber hinaus darf Gülle auch nicht aufs Feld gebracht werden, wenn der Boden überschwemmt oder wassergesättigt ist. Dann kann er nämlich keine Flüssigkeit mehr aufnehmen. Wenn der Boden durchgängig gefroren oder schneebedeckt ist ebenso. Außerdem muss die Gülle schnell eingearbeitet werden: Bis zu vier Stunden Zeit hat der Landwirt, sagt die Düngeverordnung.

Gülle lässt Pflanzen besser wachsen

Pflanzen brauchen für ihr Wachstum Nährstoffe – zum Beispiel Stickstoff (N), Phosphat (P2O5), Kalium (K2O) und Magnesium (MgO). Das alles ist in der Gülle enthalten. So wachsen die Pflanzen besser, schneller und der Bauer hat mehr Ertrag. Bei manchen Betrieben mit Tierbestand fällt Gülle quasi als Nebenprodukt ab. Denn Gülle besteht aus Kot und Harn von Schweinen und Rindern, wenn sie auf Spaltenböden gehalten werden. Mist entsteht dagegen, wenn die Tiere, wie es früher üblich war, auf Stroh stehen.

Kein Abstand zu Wohnbebauung

Der Frühling bringt so einiges mit sich: die ersten Sonnenstrahlen, frisches Grün und die ersten Landwirte, die beginnen ihre Felder zu düngen. Für viele, die in der Nähe eines Ackers wohnen, eher unangenehm. Allerdings gibt es keine Abstandsregelung zur Wohnbebauung, die Bauern einhalten müssen. Das wäre gar nicht praktikabel, denn sind wir mal ehrlich: Im Grünen zu Wohnen ist gleichzeitig auch sehr beliebt. Die Landwirtschaft gehört dann dazu. Allerdings schränkt die Düngeverordnung ein, wie viel Abstand zu Wasser gehalten werden muss.

Zu viel Gülle ist gefährlich

Kritisch ist, wenn zu viel gedüngt wird und die Gülle in Gewässer oder auch das Grundwasser gelangen. Stickstoff und Sauerstoff verbinden sich zum, für den Menschen, gefährlichen Nitrat. Das brauchen Pflanzen zwar, um Eiweiß zu bilden und somit zu wachsen. Gelangt Nitrat allerdings in Gewässer oder über das Trinkwasser sogar in den menschlichen Verdauungstrakt, wird es gefährlich. Dort kann es sich in krebserregendes Nitrit umwandeln. Die NRW-SPD fordert deshalb, das Grundwasser stärker zu schützen und zum Beispiel die Tierhaltung wieder an eine größere Fläche zu binden, sodass es den Tieren besser geht und gleichzeitig weniger Gülle entsteht.

Wird Gülle importiert?

Kurze Antwort: Ja. Allerdings nicht nur aus den Niederlanden, sondern auch zwischen den Bundesländern und innerhalb Nordrhein-Westfalens. Die Verbringensverordnung des Bundes und die Wirtschaftsdüngernachweisverordnung des Landes Nordrhein-Westfalen regeln, was die Betriebe untereinander tun dürfen. Seit 2013 müssen alle Betriebe in NRW der zentralen Datenbank beim Direktor der Landwirtschaftskammer melden, welchen und wie viel Dünger sie abgeben. Wie viel Nährstoffgehalt dieser Dünger hat und wer der Abnehmer ist.

Im Nährstoffbericht 2017 heißt es:

Aus den Niederlanden werden in beträchtlichem Umfang Wirtschaftsdünger nach Nordrhein-Westfalen verbracht. Sie beliefen sich im Jahr 2016 auf insgesamt etwa 1,458 Mio. t und haben gegenüber dem Jahr 2013 um rund 3 % zugenommen (vgl. Tabelle 5).

Nährstoffbericht 2017

In einem Bericht aus dem Umweltministerium in NRW heißt es, dass im Jahr 2018 1.004.000 m3 bzw. Tonnen Wirtschaftsdünger tierischer Herkunft – wie es im Fachjargon heißt – aus den Niederlanden nach NRW gekommen sein sollen. Laut Bericht sind dies 31% weniger als noch 2016. Um das noch besser zu kontrollieren, sollen künftig einfacher Daten zwischen den Bundesländern, aber auch zwischen unseren Nachbarländern, wie die Niederlande und Belgien, ausgetauscht werden. Damit stärker kontrolliert wird, wo Gülle abgegeben wird und wohin sie im Anschluss geliefert wird.

Wie geht es in Zukunft weiter mit der Gülle?

Spätestens im April 2020 muss der Bundesrat eine Düngeverordnung beschließen, die von der EU akzeptiert wird. Sonst drohen Deutschland Strafzahlungen. Klar ist: Die Landwirte sind nicht die bösen Buben. Deshalb tut es ihnen auch so weh, wenn sie in diese Ecke gestellt werden. Das Güllen hat Tradition und macht Sinn, weil man so das Abfallprodukt Gülle sinnvoll einsetzen kann. Problematisch wird’s, wenn man übertreibt. „Viel hilft viel“ darf nicht das Motto sein, denn zu viel Gülle versaut den Nitratwert im Grundwasser – und damit eines unserer Grundnahrungsmittel. Die Kläranlagen müssen bereits über eine weitere Reinigungsstufe nachdenken, um das Nitrat aus dem Wasser zu bekommen. Das kostet den Gebührenzahler viel Geld.

Ich möchte gerne beide Seiten versöhnen: Mit den Landwirten gemeinsam möchte ich nach Lösungen suchen, die gute Landwirtschaft ermöglichen und gleichzeitig das Grundwasser schützen. Das wünschen sich alle Beteiligten. Und wer auf dem Land lebt und sich über den Geruch ärgert – ganz ehrlich: Dem ist einfach nicht zu helfen!

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