Bei den Fridays for Future demonstrieren Kinder und Jugendliche jeden Freitag für eine bessere Klimapolitik. Statt sie dabei zu unterstützen und tatsächlich etwas zu verändern, verspotten viele Erwachsene sie – und unterschätzen damit die Macht, die derzeit aus dieser Bewegung entsteht. Denn was Macron in Frankreich geglückt ist und woran Sahra Wagenknecht in Deutschland gescheitert ist, gelingt bei der Fridays for Future-Initiative derzeit ganz von selbst. Längst ist sie eine weltweite Bewegung von Schülerinnen und Schülern geworden. Spannend aus meiner Sicht: Wie geht es jetzt weiter?

Weltweiter Protest am 15. März 2019

Ein vorläufiger Höhepunkt wird der weltweite Schulstreik am 15. März 2019 sein. Bis in den Kreis Wesel hinein gehen dabei Schülerinnen und Schüler für das Klima auf die Straße. Die Haupt-Reaktion, die sie damit bislang in den Parlamenten und Regierungen ausgelöst haben: Dürfen die das eigentlich? Rechtlich ist die Sache klar: Laut NRW-Schulgesetz dürften die jungen Leute nicht während der Schulzeit demonstrieren. Höchstens für eine politische Veranstaltung freigestellt werden. Ausnahmsweise. Aus meiner Sicht ist jede Demo nichts anderes als Biologie- und Politikunterricht in der Praxis. Kaum einer hat sich aus meiner Sicht jedoch bislang die Mühe gemacht, inhaltlich auf die jungen Leute einzugehen. FDP-Chef Lindner verstieg sich dagegen sogar in die Behauptung, dass das Erkennen von „globalen Zusammenhängen“ nur was für Profis sei.

Christian Lindner Tweet Klimaschutz Fridays for Future
Kritik an Fridays for Future: Christian Lindner glaubt, dass Klimaschutz was für Profis ist.

Sonst hat er ja einen ausgeprägten Machtinstinkt, aber hier glaube ich, dass Christian Lindner die Situation schlicht unterschätzt. Wir sprechen hier über eine neue Generation, die ihre politischen Ansichten nicht mehr nur in den Jugendorganisationen der Parteien, Kirchen oder Verbände äußert. Sie nutzt die Möglichkeiten der digitalisierten Welt und meidet gewohnte Strukturen. Anders ist es nicht zu erklären, dass eine 16-jährige Schwedin quasi über Nacht zur weltweiten Ikone werden kann. Ohne Internet wäre das nicht möglich.

Fridays for Future: Was kommt danach?

Spannend für mich ist, wie es mit Fridays for Future auf Dauer weitergeht. Denkbar ist, dass daraus eine multinationale Bewegung wird, die ähnlich einer Partei ganz konkrete Forderungen formuliert und sie zeitgleich in vielen Ländern auf die Agenda hebt. Ich glaube jedoch nicht, dass daraus eine Partei im klassischen Sinne wird. Ich blicke dagegen gespannt auf die Möglichkeit, dass hier etwas völlig Neues entsteht. Ein Netzwerk aus Menschen, die sich digital zusammenschließen und gemeinsam Politik machen. An allen Parteien vorbei. Sie bedienen sich der Online-Petitionen und Meinungsmache via Social Media. Sie organisieren Demos und unterstützen einzelne Politikerinnen und Politiker bei Wahlen – über alle Parteigrenzen hinweg. Pragmatisch. An der Sache orientiert. Einzige Frage: Vertritt dieser Politiker unsere Interessen oder nicht?

Mit dieser organisatorischen Macht, so stelle ich mir vor, kann diese Bewegungen Wahlen gewinnen – ohne selbst direkt eine einzige Kandidatin oder einen einzigen Kandidaten aufstellen zu müssen. Das Fridays for Future-Netzwerk sucht sich diejenigen Menschen aus, die sie politisch unterstützt. Die politische Einflussnahme im Web, wie wir sie bei Google & Co. fürchten, würde zu deren gesellschaftlichen Ultima Ratio. Und zu einer neuen Form der politischen Willensbildung, wie sie heute noch keiner für möglich hält. Sie hat dabei aus meiner Sicht das Potenzial, Regierungen ins Wanken zu bringen. Eine Macht, die ich mir auch im Bereich der Netzpolitik wünschen würde, wenn ich an Artikel 13 und die Uploadfilter denke.

Schülerprotest: Das ist unsere Zukunft

Ein Traum? Nein. Ich glaube, dass die Macht stark ist in ihnen. Das sollten wir erkennen und fördern, statt sie mit Verboten und Spott zu belegen. Es braucht auch mehr als ein gönnerhaftes Streicheln über die Köpfe der Aktiven. Ein hingelächeltes Das-macht-ihr-aber-toll ist auch nicht viel besser als Lindners direktes Bashing der Fridays for Future-Aktivisten. Wir müssen die Schülerinnen und Schüler ernst nehmen – mit dem, was sie fordern und wie sie es fordern. Denn das wird unsere Zukunft sein.

2 Kommentare zu „Fridays for Future: Die Macht ist stark in ihnen“

  1. Barbara Maier

    Sehr guter Artikel, lieber René, danke dafür! Ich hoffe sehr, dass die jungen Menschen weiter machen und sich gegenseitig unterstützen.
    Liebe Grüße, inzwischen aus Bonn,
    Barbara Maier

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.