Pflege im Minutentakt

Pflege habe ich als Praktikant schon zwei Mal miterlebt – im Seniorenheim und im Krankenhaus. Doch was bedeutet es, Menschen im Minutentakt zu Hause zu pflegen? Um dafür ein Gefühl zu bekommen, bin ich die Frühschicht der ambulanten Pflege mitgefahren bei der Caritas Moers-Xanten.

„Gott sei Dank nicht Kratzen“, denke ich an diesem Mittwochmorgen als ich ins Auto steige. Die Digitaluhr zeigt 5:15. In einer halben Stunde ist Dienstbeginn und ich muss mich beeilen, um rechtzeitig am Karthaus in Xanten zu sein. Dort liest mich Elisabeth Scheffer-Reichel auf. Ich drehe noch an der Parkuhr, als sie im Auto neben mir hält. Kleiner, weißer Flitzer. Rechts und links prangt der Caritas-Schriftzug. Jetzt geht’s fix zum ersten Patienten des Tages.

Ein bisschen mulmig ist mir schon. Wie werden die Menschen den Fremden aufnehmen, den ihre Elisabeth da mitschleppt? Ich sorge mich unnötig: Bei ihrer Runde gestern hat meine Kollegin bereits alle ihre Klienten informiert und die sind neugierig auf den Politiker, der einen Tag im Caritas-Flitzer mitfährt. Die alten Damen haben aufgeräumt. Die Herren sind rasiert.

Pflege für den eigenen Bruder

Den Auftakt macht ein Mann mit geistiger Behinderung. Der 60-Jährige wird täglich zur Werkstatt der Lebenshilfe nach Alpen-Veen gefahren. Morgens um 6 Uhr macht ihn Frau Scheffer-Reichel dafür „ausgehfein“ – und unterstützt damit seinen etwa gleichaltrigen Bruder, der zur Arbeit muss. Ich lerne Herrn Weiß* kennen, so gut das geht innerhalb der nächsten fünf Minuten. Ich merke, wie sehr ihn die Pflege durch die Caritas entlastet. Ohne sie könnte er keinem normalen Job nachgehen. Nach dem Tod der Mutter pflegt er nun seinen Bruder, der geistig auf dem Niveau eines Zweijährigen lebt.

Wie schwer muss das für einen Angehörigen sein? Tag für Tag und das ganze Jahr über für jemand anderen da sein? Nur hier und da einmal eine Entlastung. Dafür die ständige Rennerei, damit alles geregelt ist. Denn die so genannten Kostenträger gönnen einander nichts. Statt die Verantwortlichkeit für eine Zahlung unter sich auszumachen, haben Menschen wie Herr Weiß das Nachsehen. Sein Bruder ist mittlerweile fertig gewaschen und setzt sich noch einmal ins Bett. Wir verabschieden uns.

Kampf mit den Kompressionsstrümpfen

Bei den nächsten Stationen helfen wir Menschen in ihre Kompressionsstrümpfe. Klingt nach einem Kinderspiel, doch nicht nur ältere Menschen schaffen es kaum in die engen Strümpfe. Auch eine Frau Ende 50 braucht Hilfe, bevor sie zur Arbeit fahren kann. So eng müssen die Kompressionsstrümpfe sein, dass es Kraft und Geschicklichkeit braucht, um sie faltenfrei bis über das Knie zu bekommen. Frau Schäffer-Reichel hat ihre Technik und eine festgelegte Zahl von Minuten Zeit, um das zu erledigen.

Die Caritas-Mitarbeiter:innen haben ein Handy dabei, auf dem die Daten all ihrer Patientinnen und Patienten gespeichert sind. Name, Adresse, Telefonnummer gehören genauso dazu wie beispielsweise der Hinweis, dass man auf dem Acker vor dem Gartentor nicht drehen soll, weil es sonst Ärger mit dem Bauern gibt. Zudem sind die vertraglich vereinbarten Leistungen hinterlegt. Diese sind aufgeschlüsselt nach Nummern und dahinter liegt auch immer ein Zeitkontingent, das zur Verfügung steht. „Als wir darauf umgestellt wurden, war das erst hart. Aber mittlerweile habe ich mich drauf eingestellt und die Zeit reicht gut“, erzählt mir Frau Scheffer-Reichel auf der Fahrt.

Während draußen langsam die Sonne aufgeht, steuern wir nach und nach auch die Langschläfer an. Denn die erfahrene Pflegerin hat ihre Tour unter anderem so gelegt, dass die Frühaufsteher zuerst und die Langschläfer möglichst spät zu ihrem Recht kommen. Manche Diabetiker brauchen ihr Insulin vor dem Frühstück, ein Junggeselle und ehemaliger Lkw-Fahrer braucht seine Garbe nur zwei Mal am Tag und braucht deshalb nicht auf uns zu warten mit der ersten Mahlzeit des Tages. Ihn können wir deshalb um halb zehn besuchen und treffen ihn am Küchentisch. „Ich bin erst zehn, fünfzehn Minuten wach“, lächelt der Senior zwischen Bartstoppeln. Er bekommt heute Besuch von einer Helferin, die dafür sorgt, dass alleinlebende Menschen auch mal vor die Türe kommen. „Rasieren nicht vergessen“, ruft Frau Scheffer-Reichel ihm deshalb noch zu und wir fliegen weiter in Richtung Camping-Platz.

Pflege offener Wunden

Künstliche Ernährung: In diesem Beutel steckt alles, was ein Mensch für den Tag braucht.

Zwei ihrer Klientel wohnen dauerhaft auf einer Parzelle inmitten der niederrheinischen Landschaft. Idyllisch, möchte man meinen, aber als Dauerzustand ein eher karges Leben. Draußen erreicht das Thermometer trotz Sonne gerade mal Kühlschranktemperatur. Drinnen bollern Gasöfen gegen das Frieren. Die früher vielleicht herrschende Camping-Romantik ist längst dem Pragmatismus gewichen. Wer hier dauerhaft lebt, kann sich eine Stadtwohnung meist schlichtweg nicht mehr leisten.

Wir sind um zehn Uhr verabredet mit einer Wund-Managerin. Bei Patienten mit offenen Wunden müssen diese speziell ausgebildeten Fachkräfte neuerdings hinzu gerufen werden. Denn trotz Pflege entzünden sich solche offenen Stellen schnell und das kann lebensgefährlich werden. Das Bild, das sich der Wund-Managerin und mir als erstmalige Gäste bietet, verschlägt uns den Atem. Die Wunden an beiden Beinen sind riesig. Der Humor des dauerhaft unter Schmerzmitteln stehenden Mannes ebenso. Ich frage mich, wie man zwischen Wohnwagen und Vorzelt, Campingkocher und dudelndem Fernseher dauerhaft leben kann. Die Pflegerinnen sind die einzigen, die hier regelmäßig vorbeischauen.

Im Laufe der Schicht merke ich, dass es in Sachen Einsamkeit nicht darauf ankommt, ob man Familie hat oder nicht. Es liegt auch nicht am Geld, ob die alten und kranken Menschen Besuch bekommen von Freunden und Verwandten. Ich erlebe beides: große Fürsorge von Kindern, die längst weit weggezogen sind, ebenso wie komplettes Desinteresse von Nahestehenden, die zu Fuß mal eben vorbei kommen könnten.

Kleine Momente des Glücks

Frau Scheffer-Reichel, die 29 Jahre in dem Job arbeitet, sind alle gleich lieb. Zum Geburtstag gibt es von ihr immer eine Kleinigkeit – ein Törtchen mit Kerze oder eine Luftgetrocknete für den eher deftigen Typ. Das Ständchen gehört ebenfalls dazu. Kleine Momente des Glücks für Menschen, die die meiste Zeit des Tages vor dem Fernseher verbringen. Ein Zeitvertreib, der in den vergangenen Monaten alles andere als fröhlich machte. „Erst war es die Corona-Berichterstattung, jetzt ist es der Krieg in der Ukraine, der die Menschen ängstlich und traurig macht“, weiß die Caritas-Mitarbeiterin. Wenn man den ganzen Tag nichts anderes sieht und hört, kann man leicht in Melancholie und Traurigkeit versinken.

Die Minuten des Tages, in denen die Pflegerin die Türen der dunklen Reiche von Alten und Kranken öffnet, bleibt dafür keine Zeit. Sie konzentriert sich auf die Menschen, die Menschen konzentrieren sich auf sie. Es sind Minuten, in denen nicht nur der Körper sondern auch die Seele gereinigt wird. Während sie konzentriert die Pillendosen bestückt und in den bereitliegenden roten Patienten-Mappen Körpertemperatur, Blutzuckerspiegel und Blutdruck notiert, hört sie den Menschen zu. Es entspinnt sich ein Gespräch. Manchmal ist es der immer gleiche Dialog mit einem an Demenz erkrankten Menschen. Dann wieder will der aktuelle Spieltag aus Sicht des FC Schalke 04 analysiert werden. So oder so ist die Pflege für viele das Highlight des Tages.

Dies ist eine Reportage über meinen Einsatz bei der ambulanten Pflege des Caritasverbandes Moers-Xanten. Der Text ist deshalb subjektiv, beschreibt ausschließlich meine Beobachtungen und verzichtet – getreu den Regeln des Genres– auf Bewertungen und Kommentare. Mindestens zwei Mal im Jahr versuche ich, in meinem Wahlkreis einen Tag lang zu malochen. Das habe ich unter anderem schon beim Lohnunternehmen Norbert Köffer, im Krankenhausbei der Müllabfuhrbeim Deutschen Roten Kreuzauf dem Baubeim Spargelstechen, in der Großbäckerei Büsch, bei Amazon und McDonald’s getan sowie bei der Polizei und in einem Seniorenheim.

*Alle Namen sind geändert.

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