In den vergangenen Wochen habe ich viele Bücher, Texte und Artikel zum Thema „Digitalisierung“ gelesen. Das ist unter anderem wichtig, weil ich im Landtag über die „Digitale Transformation der Arbeitswelt in Nordrhein-Westfalen“ diskutiere. Ein Text hat mich dabei aber besonders beschäftigt: Die Mangroven-Gesellschaft: Wie können Menschen und Maschinen zusammenleben.

Wir umhüllen die Welt…

Ja, richtig gelesen: Wir umhüllen unsere Welt, damit Roboter funktionieren können. Das ist ein zentraler Gedanke des Technologiephilosophen Luciano Floridi. Früher verkleideten wir zum Beispiel Waschmaschinen, damit die Maschine innerhalb ihrer begrenzten Umgebung ihren Job erledigte. Heute umhüllen wir unsere Umwelt zu einer technikfreundlichen Infosphäre. Warum? Um beispielsweise autonomes Fahren möglich zu machen.

„Die Umhüllung war früher entweder ein eigenständiges Phänomen (man kaufte den Roboter mit der erforderlichen Umhüllung, etwa eine Spül- oder Waschmaschine) oder sie wurde innerhalb von Werkshallen der Industrie angewandt, wobei die Umhüllung sorgfältig auf ihre künstlichen Bewohner zugeschnitten wurde. Heute […] umhüllen wir gesamte Umgebungen zur einer technikfreundlichen Infosphäre. Wenn die Rede von smarten Städten ist, meint man eigentlich, dass gesellschaftliche Lebensräume in Orte verwandelt werden, in denen Roboter erfolgreich tätig werden können.“

Mangroven-Gesellschaft

In dieser umhüllten Welt, in der Mangroven-Gesellschaft, sind alle relevanten Daten von Maschinen lesbar. Ähnlich wie Mangroven, die zwischen Land und Meer in durchaus schwierigen Bedingungen durch extrem gute Anpassung gedeihen, bewegt sich der Mensch in einer neuen Umgebung. Sie ist weder on- noch offline, sondern onlife. Es gibt kein entweder/oder mehr. Kein an oder aus. Unsere alltägliche Umwelt ist mittlerweile sowohl digital als auch analog, sowohl online als auch offline.

„In den 1990ern wurde man noch gefragt, ob man online beziehungsweise „im Netz“ war. Heute ist diese Frage in vielen hochentwickelten Informationsgesellschaften bedeutungslos geworden. Stellen Sie sich vor, Sie werden von jemandem gefragt, ob Sie online sind, und zwar während Sie mit dieser Person über Ihr Smartphone sprechen, das mittels Bluetooth mit dem Soundsystem Ihres Wagens verbunden ist, während Sie am Steuer sitzen und den Anweisungen eines GPS-Geräts folgen, das außerdem in Echtzeit Verkehrsinformationen herunterlädt.“

Die umhüllte – und somit technikfreundliche – Welt, hat zwei Folgen für den Menschen:

  • Wir springen in die Bresche, dort wo Maschinen nicht allein entscheiden können oder nicht das kognitive Vermögen haben. Deshalb gibt es Crowdsourcing wie Amazons „Mechanical Turk“. „Amazon beschreibt ihn als eine „künstliche künstliche Intelligenz“. Dahinter steckt im Grunde ein Online-Marktplatz für Gelegenheitsarbeiten, die menschliche Intelligenz erfordern. „Human inside“ ist da das Schlagwort und wird gerade zum Slogan der Zukunft. Das Erfolgsrezept ist simpel: „smarte Maschine + menschliche Intelligenz = schlaues System“. Das wird den Arbeitsmarkt verändern. Deshalb reden wir auch in der Enquetekommission darüber.
  • Wir stehen zwischen dem Produkt und seinem Anbieter sowie unserem eigenen Budget oder vielmehr dem eigenen Kreditrahmen. Denn häufig geht es bei unserem Konsum nicht nur um das tatsächlich verfügbare Einkommen. Wir sind die Schnittstelle, die es für den Anbieter zu überwinden gilt. In einer zunehmend umhüllten Welt fällt es den Werbern leichter – zum Beispiel über „kostenlose Dienste“, die in Wahrheit letztlich gar nicht so kostenlos sind – uns zu überwinden und uns zu überwältigen. Letztlich allein, um an unser Geld zu kommen. Stark vereinfacht ausgedrückt jedenfalls.

Wir müssen unsere Umwelt schützen, aber auch die Infosphäre!

Es geht nicht darum, dass Roboter, Maschinen oder KI wie Menschen behandelt werden.

„Der Vorschlag zielt vielmehr darauf ab, dass wir KI und smarten Technologien den gleichen Respekt entgegenbringen wie Bäumen oder uralten Artefakten: Sie sind Manifestationen einer umfassenden Realität, die grundsätzlich als Wert an sich angesehen werden sollte und deshalb nicht missbraucht, beschädigt, zerstört oder mutwillig herabgesetzt werden darf.“

Wir müssen die Informationsgesellschaft der Zukunft gestalten, damit sie den Bedürfnissen und Rechten des Menschen gerecht werden kann. Gleichzeitig muss auch die Umwelt geschützt werden. Einfach ist das nicht, aber es geht und muss gehen! Die Grünen entstanden aus dem Gedanken, die Umwelt stärker zu schützen. Damals wie heute ein sehr wichtiges Thema. Ich glaube, dass es mit der Digitalisierung ähnlich sein wird. Parteien – vielleicht ja sogar eine neue – werden Antworten haben müssen, damit am Ende ein Bündnis zwischen der natürlichen und der künstlichen Welt ausgehandelt werden kann. Neben dem aktuell so vielbeachteten Umweltschutz tritt dann der Infosphärenschutz als wichtiges politisches Thema. Nur: Welche Partei wird das als erstes erkennen und daraus politisches Kapital schlagen?

Wie seht Ihr das? Ich freue mich über Eure Kommentare und Anregungen!

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