Vor zwei Jahren haben wir das 200. Jubiläum der Grimm’schen Märchen gefeiert. Den Brüdern Jacob und Wilhelm ist es schließlich zu verdanken, dass über die Jahrhunderte erfundene Geschichten zu Papier gebracht und damit vor dem Vergessen bewahrt wurden. Zwei Jahrhunderte später kämpfen wir wieder gegen das Vergessen, denn vieles, was heute niedergeschrieben und gespeichert wird, ist in einigen Jahren vielleicht schon für immer zerstört.

Tolles Buch aus der Insel-Bücherei mit bunten Illustrationen klassischer deutscher Balladen - die man auch mal auswendig lernen könnte...
Tolles Buch aus der Insel-Bücherei mit bunten Illustrationen klassischer deutscher Balladen – die man auch mal auswendig lernen könnte…

Es war einmal eine Gesellschaft, die verbreitete ihre Neuigkeiten und Geschichten auf gedrucktem Papier. Wer die dafür notwendigen Maschinen besaß, bestimmte auch, was gedruckt und gelesen wurde. Eine ähnlich starke Stellung hatten daneben nur noch die Redakteure und Lektoren, die sich um die Inhalte kümmerten. Heute ist das anders. Den klassischen Gatekeeper gibt es nicht mehr. An seine Stelle sind Millionen von Produzenten getreten, die sich kostenlos, grenzenlos und ohne Beschränkung des Umfangs im Internet verbreiten können. Das ist schön, gewinnen wir als Konsumenten dadurch doch eine unendliche Vielfalt von Themen und Blickwinkeln. Das ist schrecklich, weil niemand mehr eine Übersicht darüber hat, was es alles zu einem Thema gibt und – noch viel wichtiger – wie valide die einzelne Information tatsächlich ist. Nur weil man mehr Berichte aus einem Krisengebiet oder mehr Schilderungen von einem Sachverhalt hat, heißt das nicht unbedingt, dass man in der Sache klarer sieht. Im Gegenteil.

Hinzu kommt, dass die digitalen Informationen wesentlich vergänglicher sind als all das, was die Kulturgeschichte bislang an Medien hervorgebracht hat. Höhlenmalereien haben Jahrtausende überdauert, Steintafeln der Ägypter kann man bis heute entziffern und auch das Buch vermag seine Inhalte über Jahrhunderte zu bewahren. Anders verhält es sich mit den Internetseiten, den Dateien und Speichermedien unserer Zeit. Eben deshalb kämpfen die Archivare derzeit einen verzweifelten Kampf gegen das Vergessen. Lässt man einmal die rechtliche Komponente in Deutschland beiseite, die den professionellen Bewahrern unserer Kultur Steine in den Weg legt, bleibt das Problem, alle Inhalte im Netz aufzuspüren und zu konservieren. Ist das gelungen und einzelne Dateien sind auf den Servern der Archive deponiert, beginnt der nächste Wettlauf. Obsoleszenz nennen die Experten das Problem, dass einzelne Dateien nur mit bestimmten Programmen ausgelesen werden können. Eine doc-Datei beispielsweise mit dem Programm Word von Microsoft. Wir alle wissen, dass jede neue Version des Textverarbeitungsprogramms eine so genannte „Abwärtskompatibilität“ vorsieht. Heißt: Die Dateien des Vorgängerprogramms lassen sich noch öffnen. Doch was ist mit einem Text, der noch auf dem ersten Word-Programm von 1983 geschrieben wurde? Dieser lässt sich mit der aktuellsten Software-Version definitiv nicht mehr auslesen.

So müssen viele gesicherte Dateien immer wieder migriert, also gewissermaßen neu abgespeichert werden. Gleichzeitig unterliegen die Dateien an und für sich einem Verfall. Niemand weiß bislang, warum zum Beispiel jpg-Dateien plötzlich ihre Lesbarkeit verlieren oder einzelne Pixel verschwinden. Schwer zu kontrollieren für die Archive, in welchem Zustand sich die Dateien jeweils befinden. Öffnen, genau hinschauen und wieder abspeichern: Diese Vorgehensweise taugt aus naheliegenden Gründen nicht. Dagegen gibt es ein Prüfsummen-Verfahren, das bei einem einsetzenden Verfall sofort Alarm schlagen soll.

Zu guter Letzt sind es die Speichermedien selbst, die kaum noch ein Jahrzehnt durchhalten. Mit redundanten Systemen arbeiten deshalb die Archive. Fällt eine Festplatte aus, hat der Zwilling die Daten gesichert. Aufgrund des fortgesetzten Preisverfalls bei Speichermedien lässt sich diesem Problem finanziell am ehesten entgegen treten.

Doch was bedeutet das alles für einen Privatmenschen, der seine Texte, Bilder und Filme auf der heimischen Festplatte lagert? Wer hat heute schon noch eine Übersicht über alle seine Bilder? 12, 24 oder 36 analoge Aufnahmen zwangen früher dazu, vor dem Auslösen der Kamera genau zu überlegen. War der Film nicht voll, wartete man meist noch mit der Entwicklung der Weihnachtserinnerungen, bis die letzten drei Aufnahmen zu Ostern verknipst waren. Heute entstehen auf jedem Familienfest gleich Dutzende wenn nicht gar hunderte Bilder aus den verschiedensten Blickwinkeln und Kameras. Doch wer schaut sie noch durch und verwahrt sie so im Regal, dass sie noch gefunden werden können? Wann haben Sie ein virtuelles Fotoalbum ein zweites Mal durchgeblättert oder es gar anderen gezeigt?

Ohne es selbst zuzugeben, haben viele private User längst aufgegeben. Sie bannen immer neue Dateien auf ihre (externen) Festplatten und wissen gar nicht so genau, was da im Einzelnen noch so schlummert oder gar schon verloren ist. Durch Festplatten-Crashs und Computerschaden habe ich selber vermutlich zahlreiche Videos, frühe Zeitungsartikel und vor allem Bilder verloren. Welche das sind, kann ich gar nicht genau sagen, weil ich noch immer auf Festplatten, USB-Sticks und gebrannten CDs alte Dateien wiederfinde. Wiederentdeckungen wie beim Kramen in Schuhkartons mit alten Bildern.

Weniger ist mehr: Warum also nicht mal wieder bewusster hinschauen und den Moment genießen? Warum nicht mal die (Handy-)Kamera weglegen, um sich die wunderschöne Umgebung zuerst auf die Netzhaut und dann für immer in die Erinnerung zu brennen? Statt ein Konzert mit der Handykamera mitzuschneiden und dabei nebenbei anderen den Blick zu rauben, könnte man den einmaligen Moment schlicht genießen. Das wackelige, schlecht ausgeleuchtete und akustisch fragwürdige Video schaut man sich ohnehin kaum wieder an!

Bei Musik und Film hat mittlerweile mein Sammlertrieb nachgelassen. Ich versuche nicht mehr, die mir wichtigen Stücke und Streifen auf irgendwelche Medien zu bannen, die unter Umständen nach Jahren gar nicht mehr lesbar sind. Stattdessen nutze ich Flatrates wie Spotify und Amazon Prime, die es mir leicht machen, auf eine eigene Sammlung zu verzichten.

Und ich habe mir fest vorgenommen, mal wieder einen Text auswendig zu lernen. Mich verblüffen immer wieder ältere Menschen, die noch nach Jahrzehnten Lieder und Gedichte fehlerfrei aufsagen können, die sie aus ihrer Schulzeit kennen. Die eigenen Erinnerungen, die sie damit verknüpfen, kenne ich nicht. Ich weiß aber, dass kein äußerer Einfluss sie jemals zerstören kann.

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